2 - Kunst in der Kirche?

Vor 475 Jahren kam es in Wittenberg zu einem folgenschweren Ereignis. Der Rat der Stadt hatte eine Beseitigung der Bilder aus den Kirchen angeordnet. Als es zur Ausführung dieses Beschlusses kam, stürmte der vor den Kirchen stehende Volkshaufen plötzlich den Beauftragten des Magistrates nach. In wildem Taumel und blinder Zerstörungswut riß er in den Kirchen die Bilder und Kruzifixe von den Wänden, hieb sie in Stücke und verbrannte sie unter freiem Himmel. In wenigen Stunden wurde zu Staub und Asche, wovor viele Generationen von Christen gekniet, Trost und Glaubensstärkung gefunden hatten.

Seltsamerweise löst dieser Bildersturm bis zum heutigen Tag nur ein geringes Entsetzen unter uns aus. Dabei wurde mit ihm der Glaubenssprache unserer abendländischen Kirche ein nicht wieder gutzumachender Schaden zugefügt. Es wurde mit Axt und Hammer, mit kaum zu überbietender Rohheit eine Bildersprache zerstört, die über Jahrhunderte zu den Menschen gesprochen hatte. Das Wort siegte gnadenlos über das Bild! "Wo und was Gott ist, das muß man anderswo als bei den Bildern lernen", entschied Calvin.

Erneut war geschehen, was die Kirche im 8. Jahrhundert im sog. ikonoklastischen Streit in ersten verheerenden Bilderzertrümmerungen schon einmal in ihren Grundfesten erschüttert hatte. Die Kirche widerstand damals der neuplatonisch geprägten Bilderabwehr, einer rigiden Abwertung alles Sinnlichen gegenüber dem Geistigen. Und sie stand zu einem Volk, das mit frommer Zuneigung an den Bildern seiner Säulenheiligen, der lebenden Styliten, hing, zu denen es pilgerte und Heilung fand. Der syrische Mönch Johannes von Damaskus formulierte eine bis heute unwiderlegbare Rechtfertigung der Bilder für den Glauben: "Da wir doppelter Natur sind, aus Leib und Seele zusammengesetzt, und unsere Seele nicht rein für sich ist, ... so ist es uns nicht vergönnt, außerhalb des Körperlichen zum Geistigen vorzudringen. Denn gleich wie wir durch sinnlich vernehmbare Worte mit leiblichen Ohren hören und das Geistige erkennen, so dringen wir durch ein körperliches Schauen vor zur geistlichen Erkenntnis."

Die Wirkkraft der Bilder übertrifft oft die der Worte - das war und das ist Rede- und Predigterfahrung geblieben. Luther hat die Fehlentwicklung gesehen. Er hat möglicherweise geahnt, daß nach dem Mißbrauch der Bilder nun in seiner Kirche der Mißbrauch des Wortes drohte:

eine überspitzte Wortvergötzung und unduldsame Worttyrannei! Schon zwei Jahre nach dem Bildersturm nannte er die Bilder wieder "löblich und ehrlich . .., weil das Gedächtnis und Zeugnis daran hanget."

Weder die Bilderzerstörungen der alten noch die der reformatorischen Zeit waren biblisch zu rechtfertigen. Das biblische Bilderverbot "Du sollst dir kein Bildnis machen ..." ist weder ein Denk-, noch ein Sprach-, noch ein Kunstverbot (E. Zenger). Mit dem Fremdgötterverbot eng verbunden wird hier dem Kultbild, der Vergötzung eines festen Bildes gewehrt. Israels Gott ist ein unfaßbar lebendiger Gott, der in seinem unzugänglichen Licht nur Annäherungen in immer neuen Bildern und neuer Rede zuläßt.

Anders als noch am Anfang unseres Jahrhunderts gibt es an seinem Ende hoffnungsvolle Versuche, den abgebrochenen Dialog zwischen Kunst und Kirche wieder zu beleben. Der Abbruch hat beiden nicht gut getan. Die Kunst hat sie fordernde und fördernde Auftraggeber verloren und der Glaube das zeitgemäße Bild. In der Verkündigung der Kirche wird seit Jahren der Wert des Bildes, die Bildmeditation zunehmend entdeckt. Der Glaube sucht wieder die Wohltat und den Trost des Bildes, das einem im Begrifflichen angespannten Denken ein um Analogie und Assoziationen kreisendes Denken zur Seite stellt. Immer mehr Menschen suchen Anregung statt schneller Überredung, suchen ein Tiefatmen der Seele, ein heilsames Ansprechen von offenen Urbildern.

Und ich denke, wir erleben in diesen Wochen viel Freude darüber, daß mit der Neugestaltung des Markuszentrums durch den Künstler Diether F. Domes unsere Johannesgemeinde dem sich vortastenden zeitgenössischen religiösen Bild neben einem ebenfalls sich in veränderte Zeiten hineintastenden Wort des Predigers weiten Raum gegeben hat.

Si. Lunde