2 - Resümee über 37 Jahre Kantorendienst

In der Festschrift von 1991 "25 Jahre Johanneskirche" hatte ich in meinem Beitrag "Kirchenmusik in der Johannes-Kirchengemeinde" über das kirchenmusikalische Leben berichtet und möchte hier noch einmal auf diese Schrift verweisen. Heute, zu meinem Abschied, soll die Erinnerung an meinen Werdegang im Vordergrund stehen. Wie kam ich überhaupt dazu, Kirchenmusik zu studieren? Mir erscheint es heute noch als ein Wunder, daß trotz schlechtester Voraussetzungen in den Jahren nach dem Krieg (Vater in Kriegsgefangenschaft, Einraumwohnung, keine Heizung, abends Kerzenlicht wegen Stromsperre und kein Klavier!) eine musikalische Ausbildung möglich war. Meine Freude am "Singen in der Kirche" erwachte im Kreis der "jungen Gemeinde" nach meiner Konfirmation 1951 in meiner Heimatstadt Sangerhausen (Sachsen-Anhalt). Kirchliche Jugendarbeit durfte keine Freizeitgestaltung beinhalten - das war außerhalb der staatlichen Jugendorganisation FDJ (Freie Deutsche Jugend) in der DDR streng verboten. Besonders schlimm bekamen wir das vor dem 17. Juni 1953 zu spüren.

Der Schwerpunkt unserer Jugendstunden war also Bibelarbeit, die mit viel "Singen" unterbrochen wurde. Mit den geübten Kanons und ein- bis dreistimmigen Chorsätzen konnten wir beim regelmäßigen Krankenhaussingen auch noch Freude bereiten. Wir wanderten hin und wieder sonntags morgens zu Dorfkirchen in der Umgebung, um dort den Gottesdienst mitzugestalten - und waren dabei glücklich.

Ich hatte das Glück, bei unserer Organistin Klavierunterricht zu bekommen und lernte so auch die "instrumentale" Seite der Kirchenmusik kennen. So war der Wunsch, das Orgelspielen zu erlernen, nicht mehr fern. Im Kirchenchor mitzusingen, dabei die ersten Oratorien-Aufführungen mitzuerleben, machte mir großen Spaß. So reifte mein Wunsch, einmal Kirchenmusik zu studieren, immer mehr heran. Bis zum Abitur war ich fest in das Gemeindeleben meiner Heimatkirche eingebunden.

Mit der Aufnahme an der Kirchenmusikschule Halle/Saale begann dann der eigentliche Werdegang. Neben der musikalischen Ausbildung nahmen die theologischen Fächer und Liturgik einen wichtigen Raum ein. Eine gute Gemeinschaft der Studierenden, wunderbare Konzerte (auch Konzertreisen), vielfältige Musik in den Gottesdiensten waren die sehr positive Seite dieses Studiums. In Halle lernte ich meinen Mann kennen, der damals schon kurz vor der A-Prüfung stand. So war unsere Zukunft - gemeinsames Leben im "kirchenmusikalischen Amt" - vorprogrammiert.

Durch Flucht meiner Eltern in den Westen und die vielen daraus resultierenden Schwierigkeiten waren wir schließlich auch gezwungen, die DDR zu verlassen. Glücklicherweise konnte ich mein Studium gleich an der Landeskirchenmusikschule Düsseldorf fortsetzen und 1959 mit der B- Prüfung abschließen. (Geprägt haben mich meine Lehrer wie Eberhard Wenzel, Hans-Günter Waner, Senta Glasneck in Halle und vor allem Gerhard Schwarz, Helmut Kahlhöfer, Diether de la Motte, Günter Raphael in Düsseldorf.)

1960 führte unser Weg nach Bad Kreuznach, denn mein Mann wurde "Kantor an der Pauluskirche". Wir bewohnten eine Dachwohnung im alten Gemeindehaus Roßstraße 11 mit Blick auf die Pauluskirche. Kurz nach unserer Ankunft übernahm ich die Mutterschaftsvertretung für die Kantorin Jutta Barnstedt an der Martinskirche in Bad Münster am Stein. Passionszeit, Ostern, Kantatefest, Konfirmation ... standen vor der Tür und der Chor sollte singen ... Also begann ich sofort mit den Chorproben. Ab Oktober 1960 habe ich die Stelle dann ganz übernommen. Es folgte eine schöne Zeit in der Bad Münsterer Gemeinde mit Pfr. Dr. Nagel und ganz besonders mit dem Chor.

Seit Februar 1963 bin ich nun Kirchenmusikerin der Ev. Kirchengemeinde Bad Kreuznach. Als mich Pfr. Harald Schmidt damals fragte, ob ich nicht Lust hätte, "Kirchenmusikerin am Gemeindehaus des 5. Pfarrbezirkes Lessingstraße" zu werden, ahnten wir beide nicht, was für eine lange Ehe die Kirchengemeinde und ich damit eingingen. Familie Schmidt, Küsterfamilie Iwanow, Jugendleiterin Christel Kerst und besonders "das Chörchen" unter Leitung von Pfr. i. R. Haberkamp bereiteten mir einen herzlichen Empfang.

Die Freude daran, zu singen und die Gottesdienste im Gemeindesaal zu verschönern, führte ca. 25 Chormitglieder zum "Singkreis" zusammen. Die Zusammensetzung des Chores hat sich seitdem mehrfach erneuert (aus der Anfangszeit ist heute niemand mehr dabei). Immer, was keinesfalls selbstverständlich sein muß, sind die außerordentlich gute Atmosphäre und das Zusammengehörigkeitsgefühl geblieben. Der Chor blieb von Anfang an eine feste Zelle in unserer Gemeinde, Man kann wohl sagen, er gehört zum "harten Kern". Es ist kein Gemeindetreff sonntags nach dem Gottesdienst vorstellbar, wo nicht mehrere Chormitglieder anwesend sind (meistens waren wir "4stimmig" singfähig) und Kaffee und Tee servieren. Wenn ich mich an einige besondere Höhepunkte erinnere, um nur einiges aufzuzählen, dann war es die Mitgestaltung des Gottesdienstes zur Amtseinführung von Herrn Pfr. Goedeking im Herbst 1963 in der Pauluskirche mit der Kantate "Alles, was ihr tut" von D. Buxte- hude, die "Matthäus-Passion" von Kühnhausen 1966 in der Pauluskapelle und in unserem Gemeindesaal, der Kantatengottesdienst zur Einweihung der Johanneskirche 1966, ein Kantatenkonzert in Roxheim und in der Johanneskirche, gelegentliche Mitwirkung bei Konzerten der Kantorei der Pauluskirche, z. B. beim Weihnachts-Oratorium (J. S. Bach), bei der "Hohen Messe" in h-Moll (J.S.Bach) in Sobernheim, Kirn und in der Pauluskirche, Motettenkonzert in Idar-Oberstein ... Bei sämtlichen Kantatefesten des Kirchenkreises hat unser Singkreis mitgewirkt, was wohl mit zu den eindrücklichsten Erlebnissen gehört.

Unser Chorleben wird auch geprägt durch menschliche Beziehungen, wie Einladungen bei Chorsängern, jeder Geburtstag wird "besungen".

Viele schöne Ausflüge haben unsere Gemeinschaft fester werden lassen. Aus den letzten Jahren seien noch die schönen und erlebnisreichen Begegnungen mit dem Hoyerswerdaer Chor genannt, an die wir mit Freude zurückdenken.

Wenn ich über die Chorarbeit schreibe, sehe ich auch meinen Kinderchor, ich kann fast sagen, "meine Kinderchöre", vor mir. Die Zusammensetzung wechselte naturgemäß sehr oft, auch war der Chor zeitweise in mehrere Altersgruppen aufgeteilt. Auch hier bleiben mir und den Kindern Höhepunkte in dankbarer Erinnerung: z.B. die Aufführung "Europa cantat" (eine musikalische Reise kreuz und quer durch Europa, für Kinderchor und Instrumente in Sätzen von Dieter Wellmann) in der Markuskirche und der folgenden Rundfunkaufnahme des SWF in der Matthäuskirche. Geistliche und weltliche Kantaten bereicherten viele Adventsfeiern und Singgottesdienste.

In unserem Programm standen Kinder- Kantaten von Günther Kretzschmar ("Plisch und Plum", "Max und Moritz", "Die große Flut"), von Rudolf Desch ("Von vielerlei Stunden"), Eberhard Werdin ("Die Heinzelmännchen"). "Die Bremer Stadtmusikanten", "Der Hasenkalender", "Das Musikanten-ABC", geistliche Lieder und Instrumentalstücke für Orff-lnstrumente - es gäbe noch viel aufzuzählen. Nicht zu vergessen sind die Kindersingwochen des Landesverbandes der Kirchenchöre im Rheinland, die ich ca. 15 Jahre mitgeleitet habe. Viele Kinder aus der Johannesgemeinde haben diese Wochen miterlebt und sprechen mich heute noch dankbar darauf an. Nun fehlt in der Palette nur noch ein besonders geliebtes Kind: die Blockflöte. 1977 brachte der Vikar Erhard Maey mit seinem exzellenten Blockflötenspiel einen neuen Farbtupfer in unsere Gemeinde. Er machte mir die Blockflöte so liebenswert, daß ich Lust bekam, dieses Instrument zu erlernen und sogar ein Studium an der "Bundesakademie für musikalische Jugendbildung" zu absolvieren, das ich mit der "Lehramtsbefähigung für Musikschulen" abschloß. Ich unterrichtete über viele Jahre hindurch Erwachsene und Kinder. So konnte ich nach einiger Zeit das "Blockflöten-Ensemble" gründen, das sich im Laufe der Jahre im Können und durch Erweiterung des Instrumentariums immer mehr qualifizierte und z. B. auf Konzertreisen in England, in den alten und neuen Bundesländern viel Anerkennung erfuhr. Eine Aufführung des Ensembles in unserem Gemeindehaus sei besonders erwähnt: "Peter und der Wolf" von S. Prokofjew in Bearbeitung für Blockflöten. Später kam noch ein zweiter Flötenkreis hinzu, weil gemeinsames Musizieren einfach Spaß und Freude macht. Gerade dieser Kreis war oft in Gottesdiensten zu hören. Gern machten wir auch im Altenheim in der Philippstraße unseren älteren Zuhörern eine Freude. Viele sind weiterhin bei der "Musik" geblieben und haben ihr Singen oder Spielen auf vielfältige Weise weitergeführt.

Ich freue mich immer wieder, wenn mir einstige Kinder - heute erwachsen - sagen, daß sie ohne den Kinderchor sicher nie zur Musik gekommen wären. "Da lag der Anstoß, und ich kann manches davon heute noch gut gebrauchen", erzählte mir neulich eine junge Frau, die jetzt Lehrerin ist. Zum Abschluß fällt mir noch ein, daß ich in meiner Amtszeit zwei neue Gesangbücher mit eingeführt habe: 1967 das EKG und am 2. Advent 1996 das EG. Viele Mitarbeiter unserer Gemeinde - Pfarrer, Küster, Jugendleiter, Organisten und Chorleiter in "Markus" - habe ich kommen und gehen gesehen. Mit allen habe ich gern zusammengearbeitet, und ich erinnere mich in Dankbarkeit an sie. Selbst der Gottesdienstraum hat gewechselt - vom Gemeindesaal zur Johanneskirche.

Mein "Arbeitsplatz" war ein wunderschöner, nämlich "ein Haus des Herrn". Deshalb kann ich meinen Bericht nur mit einem Vers aus dem 26. Psalm beschließen: "Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt."

Eva-Marie Wellmann