2 - Wechsel und Wandel - Wunsch und Wirklichkeit --- Gedanken zum Abschied der Kantorin aus ihrer Gem

Der Bitte um einen Kurzartikel über die Situation der Kirchenmusik möchte ich nachkommen zunächst mit einigen Zitaten aus meinem Artikel "Finale in Dur und Moll" im Gemeindebrief "Die Brücke" Anfang März 1996, soweit das dort Gesagte sich auf die aktuelle Lage in der Johannes-Kirchengemeinde übertragen läßt. Die langjährige Kantorin verabschiedet sich aus ihrem Wirkungsfeld und aus der dienstlichen Bindung in der Gemeinde, die in vieler Hinsicht zu einer - fachlich wie menschlich relevanten - Heimat geworden ist. Und das besagt mehr, als wenn vom "Arbeitgeber", von der "Anstellung", von einem "Job" oder genau umgrenzter Berufstätigkeit die Rede wäre. Wer in der Kirche im Auftrag der Verkündigung und Lobpreisung und in der Verantwortung für Menschen und Gemeinschaft aktiv ist, bringt sich selbst ein, als Mensch und als lebendiges Teil eines Ganzen. Es wäre schlimm, wenn ein solcher Abschied nicht auch schwer fiele ...

"Johannes ade, scheiden tut weh, aber das Scheiden macht, daß mir das Herze lacht", so zwiespältig könnte die zukünftige "Ruheständlerin" Ende Mai das Volkslied anstimmen. Immerhin: "In dreieinhalb Jahrzehnten viel Pulver verschossen zu haben, bedeutet auch Ermüdung, Ausgebranntsein, Sehnen nach schöpferischer Pause, bringt den Wunsch mit sich, Kräfte zu sammeln, die Gesundheit mehr zu berücksichtigen und zeitlich die Freiheit zu gewinnen für einige künstlerische und eine Menge privat-menschlicher Aufgaben ..."

"Für die Gemeinde bedeutet ein Stellenwechsel dieser Art Abschiednehmen von Gewohntem, von einer individuell bedingten musikalischen Sprache, von Fülle hier und Defizit dort. Er bedeutet gleichzeitig die Chance zu Neuem, Verjüngung, substanzerhaltende Änderung und die Aufgabe, eine dann ungewohnte "Handschrift" des Nachfolgers, der Nachfolgerin mit Geduld und Aufgeschlossenheit zu tragen und zu fördern." Hinsichtlich der "Nachfolge" ist (derzeit in unzähligenGemeinden, aber eben auch in der Johannes-Kirchengemeinde) alles offen. Dem Presbyterium wird da eine große Verantwortung aufgetragen. Jede Lösung der Existenzprobleme bietet Vor- und Nachteile. Die Gefahr ist nicht gering, daß, wer immer wechselweise und alternativ in zwei Gemeinden den Dienst tut, zwischen zwei auftraggebenden Gemeindeleitungen "zerrieben" werden kann, spätestens dann, wenn es Terminüberschneidungen gibt. Die Chance einer solchen übergreifenden Arbeit liegt eher im Zusammenführen musikalischer Möglichkeiten und natürlich in der finanziellen Sicherung einer hauptamtlichen Anstellung. Keine Entscheidung sollte fallen ohne genügendes Gespräch mit Betroffenen, Kirchenmusikern, Chorsängern, Spielern usw.

"Die Zeiten ändern sich. Neue Wege, auch solche des Zurücknehmens, Lassenkönnens, müssen gefunden werden. Die existentiellen Voraussetzungen zur Entfaltung der Arbeit in einem inhaltlich und kommunikativ so reichen und vielseitigen Aufgabenbereich wie der Kirchenmusik schwinden mehr und mehr, verflochten mit der allbekannten Entwicklung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft." Wie formulierte es LKMD Schoener vor einigen Jahren im Kreis der Kirchenmusikwarte: "... es geht uns schlecht, aber auf sehr hohem Niveau, sorgen wir, daß es uns wieder besser geht, aber durchaus wieder auf bescheidenerem Niveau" (was er nicht musikalisch-künstlerisch-substantiell, sondern eben hinsichtlich existentieller Erwartungshaltung meinte). Vielleicht wird die Kirche sehr bald Vorbildfunktion in der Öffentlichkeit wahrnehmen müssen, indem sie das, was man "die Kultur des Teilens" nennt, quer durch alle Aufgaben- und Berufsbereiche sichtbar werden läßt, statt - wie es auf dem Arbeitsmarkt leider immer noch üblich ist - Stellen zu streichen, Leute in die Arbeitslosigkeit zu entlassen, "Ballast" abzuwerfen, aber an der falschen Stelle. Gesetze und Bestimmungen werden nicht mehr reichen, die Freiheit zum Umdenken, zu Fantasie und Mut für neue Wege ist gefragt.

"Abschied nehmen aus jedem Wirkungskreis heißt: erinnernd, rückschauend, zusammenfassend, zugleich nach vorne zu blicken und offen zu sein für Zukünftiges und darauf zu vertrauen, daß Gott es fügen wird, zum Segen für die Gemeinde und für alle, die es tun.

GOTT LOBEN, Menschen dabei mitnehmen, Musik als Sprache der Verkündigung und Erlebnis für Geist, Seele und Leib in den Dienst dieser Sache stellen, DAS IST UNSER AMT, schwer genug, schön genug, begrenzt durch all das Menschliche in uns, Geschenk aber auch weit über uns hinaus. Es war nicht umsonst und wird es nie sein. Gott sei Dank!

Dieter Wellmann