An(ge)dacht - Glauben, auch wenn man nicht sieht

"Frau Arendsen, glaubst Du an Gott?" – "Ja, das tue ich. Und du?" – "Ich weiß nicht. Das ist so schwierig, weil ich Gott ja nicht sehen kann." Seit Anfang des Jahres unterrichte ich im Rahmen meines Schulvikariates evangelische Religion an einer Grundschule. Hier begegnen mir die ganz großen theologischen Fragen – schnörkellos und ungehemmt gestellt von kleinen Menschen. Das Schreiben und Rechnen fällt ihnen noch schwer und doch sprechen sie Grundfragen des christlichen Glaubens aus:Warum kann ich Gott nicht sehen?

Ich bin sprachlos. Aus dem Studium weiß ich, dass der griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa schon im 4. Jh.n.Chr. über das unfassbare und unsichtbare Wesen Gottes nachgedacht hat. Aber das hilft jetzt nicht weiter. An Gott glauben ist schwierig, weil er unsichtbar ist.Wir alle kennen den Satz: "Ich glaube nur, was ich mit meinen eigenen Augen gesehen habe."

Da fällt mir die Geschichte vom ungläubigen Thomas ein. Er hatte die Erscheinung des Auferstandenen verpasst und konnte nicht glauben, was die anderen Jünger erzählten. "Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und meinen Finger in die Nägelmale lege und meine Hand in seine Seite lege, kann ich’s nicht glauben." (Joh 20,25) Wir wissen alle, wie es weiterging: Thomas hatte das Privileg, Jesus noch einmal sehen und ihn sogar berühren zu dürfen. Doch das sollte es nicht länger geben. Jesus sprach: "Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!" Das finde ich ungerecht. Auch ich bin skeptisch, habe Zweifel und die große Sehnsucht, Gott einmal zu sehen.

Die Sehnsucht, Gott zu schauen ist keinesfalls ein Resultat der Multimedia- Gesellschaft. Schon in den Psalmen können wir diesen Wunsch finden: "Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?" (Ps 42,3) Selbst Mose flehte Gott an: "lass mich deine Herrlichkeit sehen!" (Ex 33,18) Doch unsere Augen bleiben blind für Gott.

Ich schlage vor, dass wir uns Rat bei denen holen, die Experten sind für Blindheit. Wer sehbehindert ist, der muss sich die Welt ganz neu erschließen. Er muss seine Sinneseindrücke schärfen und lernen, sich auf sie zu verlassen. Blinde Menschen orientieren sich über Geräusche, erkennen Personen an deren Gang oder der Silhouette. Sie brauchen viel Geduld und entwickeln oft eine bewundernswerte Aufmerksamkeit, weil sie alles erspüren.

Unsere Augen sind blind für Gott. Wir stehen vor der Aufgabe, in Glaubensdingen neu sehen zu lernen, uns langsam vorzutasten. Es gibt verschiedene Wege, Gott – nicht nur mit den Augen – wahrzunehmen. Gott zeigte sich Elia am Horeb im Rauschen des Windes (1 Kön 19,12); als Sturm teilte er das Meer (Ex 14,21); in Donner und Blitz erschien er auf dem Berg Sinai (Ex 19,16) und bei Jesu Tod wurde seine Gegenwart als Erdbeben spürbar (Mt 27,52).

All dies sind Spuren des unsichtbaren Gottes. Wenn wir unsere Sinne schärfen, dann gibt es auch für uns eine Menge zu entdecken. Vielleicht ertasten wir Gott in der zarten Wärme der Frühlingssonne, in den kleinen Blumenköpfen, die gerade jetzt das Erdreich durchbrechen oder in dem Wunder, wie einmalig jede und jeder von uns geschaffen ist.

"Das ist aber wenig!" – denken Sie vielleicht jetzt. Und Sie haben Recht. Gott selbst ist unsichtbar. Doch das wird nicht immer so sein, denn Paulus schreibt: "Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht." (1 Kor 13,12)

Silke Arendsen