Gesungen, gebetet, gespielt
Im Alltag über Gott zu sprechen ist schwierig geworden. Das Vokabular der Alten löst sich auf und wird durch Ausdrücke und Formulierungen der jüngeren Generation ersetzt. Oft ist von Sprachlosigkeit die Rede. Dennoch üben Geschichten, die vom Handeln Gottes und des Gottessohnes Jesus berichten, auch in der Gegenwart weiterhin eine starke Wirkung aus. Diese Erfahrung machen Erzieherinnen in den Kindergärten bei ihrer jungen Klientel immer wieder aufs Neue.
Dabei geht es nicht in erster Linie um die kraftvoll-poetische Sprache der Bibel und deren erhabenen Klang, sondern um das Thema an sich. Die Aufmerksamkeit und die Lebendigkeit der Zuhörer ist dann am größten, wenn die biblische Geschichte als Musical über die Bühne geht. Solche locker gestrickten Darbietungen sind ebenso wie Bücher mit Bildern beim Publikum stark gefragt, wie wir im Gespräch mit der Leiterin der Spiel- und Lernstube Tilgesbrunnen, Nadja Nickels, und ihrer Kollegin Sandra Maltzan erfahren.
Zehn ErzieherInnen und zwei Praktikantinnen widmen sich den in der Spiel- und Lernstube angemeldeten 60 Mädchen und Jungen sowie den 25 Hortkindern. Ganz oben auf der Hitliste steht die Weihnachtsgeschichte. Bei der Aufführung durch den Kindergarten wollten selbst muslimische Eltern nicht abseits stehen. Die Faszination, die von der Geburt Jesu ausgeht, wirkt so nachhaltig, dass die Kinder die Geschichte immer wieder hören wollen. Die beiden Erzieherinnen erinnern sich an einen Fünfjährigen, der auch im Frühjahr noch nach der "Story vom Jesusbaby" verlangte.
"Wir lassen die biblischen Geschichten in das Alltagsgeschehen einfließen", erläutern die Erzieherinnen. "Wir erzählen sie wie ganz normale Ereignisse." Eckpfeiler der pädagogischen Arbeit sind die christlichen Feste und Themen wie Tod, Umwelt und Erntedank. Kinder wählen ihre Gebete mit einem Gebetswürfel selbst aus. Spielerisch und natürlich sollen die Fragen des Lebens behandelt werden. Darin unterscheidet sich die Hinführung zum Glauben im Kindergarten vom Religionsunterricht in der Schule. Wenn Kinder fragen: "Wie sieht er aus, dieser Gott?", dann zeigen die Erzieherinnen auf Blumen, auf alles "was um uns herum schön ist." Bei der Gestaltung religiöser Bildung geht es nach den Bildungs- und Erziehungsempfehlungen des Landes Rheinland- Pfalz um Fragen des Lebens, die entdeckt, verständlich gemacht und gedeutet werden sollen.
Mit Spannung wartet die Spielund Lernstube schon auf das nächste Kindermusical. Bei solchen Aufführungen haben die Erzieherinnen die Erfahrung gemacht, dass jedermann nicht nur begeistert ist, sondern auch alle Kinder mitsingen können. Das ist heute offensichtlich nicht anders als damals.
"Mein Kindergarten war immer ein Singkindergarten", erinnert sich Illa Eiler, die von 1959 an insgesamt 33 Jahre lang als Erzieherin tätig war, in Kirn, Bad Münster am Stein-Ebernburg und zuletzt im Kindergarten Ellenfeld. Es war eine Sangeslust, die sich über die Grenzen des Kindergartens hinaus ausbreitete. "Jetzt singen wir ein Lied, das ich bei Tante Illa im Kindergarten gelernt habe", kündigte eines Sonntags der Pfarrer in der Pauluskirche an. "Für mich ein sehr schönes Erlebnis", freut sich die Kindergartenleiterin noch heute.
Das Singen gehörte neben Malen und Werken zu den Bausteinen, mit denen Tante Illa in ihrem Kindergarten das Mauerwerk der religiösen Unterweisung festigte. "Es gehörte zu meiner Verpflichtung, evangelischen Unterricht zu erteilen", rekapituliert sie ihr Programm von damals, das unter anderem darin bestanden habe, jede Woche eine biblische Geschichte aus dem Neuen Testament zu erzählen. "Ich arbeitete ja in einem christlichen Kindergarten und ein gutes evangelisches Elternhaus hatte mir die Grundlage geliefert." Jeden Morgen habe sie eine kleine Andacht gehalten. Die Eltern hätten Wert auf eine evangelische Erziehung gelegt, ausländische Kinder habe man kaum gehabt – die Basis sei anders gewesen. Neben Christi Geburt wurde auch Kreuzigung und Auferstehung thematisiert. Die Kinder hätten mit großen Augen dagesessen und gerne zugehört. Als von Ostern die Rede war, habe sich spontan ein kleiner Junge gemeldet und gesagt: "Ich weiß wie es war: da kam eine Wolke und die ist zu seinem Vater aufgefahren."
Fred Lex