1 - AN(GE)DACHT - Osterhoffnung

Von Elfi Decker-Huppert

In seiner Geschichte „die Kerze“ erzählt Leo Tolstoi von einem Gutsherrn, der ein großes Herrengut mit vielen Leibeigenen besaß. Das Gut ließ er von einem Mann aus dem Nachbardorf verwalten. Dieser war unbarmherzig und grausam. Mit roher Gewalt trieb er die Bauern zur Fronarbeit an. Deswegen war er von ihnen gefürchtet wie ein wildes Tier, und immer wieder überlegten sie, wie sie ihn um die Ecke bringen könnten. Es war in der Karwoche, als der Verwalter ihnen ausrichten ließ, sie müssten in der Osterwoche die herrschaftlichen Felder pflügen. Das kränkte die Bauer in ihrer Frömmigkeit. „Wenn der den Herrgott vergessen hat“, so sagten sie, „dann müssen wir ihn wirklich totschlagen.“ Lange beratschlagten sie, sahen es dann aber doch als die größere Sünde an, das Böse mit dem Bösen auszutreiben. In der Kirche läutete es zur Frühmesse, überall feierte das Volk Ostern – die Bauern aber pflügten, als wäre nichts geschehen, denn sie hatten Angst. Einer von ihnen jedoch hatte auf seinen Pflug eine Wachskerze geklebt. Sie brannte und der Wind blies sie nicht aus. Er trug ein neues Hemd, ging hinter seinem Pflug und sang Osterpsalmen. Zwischendrin schüttelte er den Pflug aus, aber die Kerze erlosch nicht. Als der Verwalter davon hörte, versank er in tiefes Entsetzen. „Er hat mich besiegt, jetzt kommt die Reihe an mich“, sagte er nur. Jetzt will er den Bauern entgegen reiten und sie heimschicken. Doch unterwegs scheut das Pferd und er kommt zu Tode. Als die Sache dem Gutsherren zu Ohren kam, entließ er alle Bauern gegen Zins, um Schlimmeres zu vermeiden.

 Mit Sanftmut und Beharrlichkeit hält da einer an der Osterhoffnung fest. Daraus entsteht Befreiung von Gewalt und Unterdrückung, neues Leben. Eine Geschichte aus einer anderen Welt wohl, und doch fragt sie uns: Welchen Raum gibst du der Osterhoffnung in deinem Alltag ? Wo resignieren wir zu schnell vor den Sachzwängen, lassen uns einschüchtern von Kraftmeierei und meinen wir könnten nichts machen ? Wo zünden wir Kerzen an gegen die Übermacht von Gewalt ?

 Ein kritisches Wort in der Neujahrspredigt von Dr. Margot Käßmann, vielleicht doch Anstoß eines Umdenkens „um Schlimmeres zu vermeiden“. Der Sanftmut der Verbraucher hat die Interessen der Industrie ausgebremst, zumindest bei der Grippewelle, warum nicht auch in anderen Bereichen? Viele Menschen in unserem Land brauchen Brot und gerechten Lohn statt Autos, Bildung statt Videospiele, Zuwendung statt Medikamente.

Ostern ist die frohe Botschaft, dass der Tod und das, was den Tod in sich birgt, letztlich keine Macht mehr über uns hat. Das hat eine persönliche Dimension, aber, so macht Tolstoi deutlich, auch eine politische. „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten“, heißt es im 1. Petrusbrief. Mögen wir die Osterhoffnung in unseren Gottesdiensten gebührlich feiern und verwandeln in Schritte unserer Gemeindearbeit.