1 - Glaubensraum und Nachschublager

Vom Templerorden gegründet: Iben war einst eine wichtige Verwaltungsstelle im Netz der Logistik

Von Fred Lex

Der Hof Iben liegt abseits der großen Verkehrswege, aber er stammt aus einer Zeit wichtiger Ereignisse. Er ist eine Gründung der Tempelritter, deren Aufgabe es war, die Kreuzzüge im Heiligen Land zu schützen. Zunächst nur eine kleine Gemeinschaft französischer Adliger entwickelte sich der Orden der Tempelritter innerhalb weniger Jahre zu einer machtvollen Organisation, die für den in Palästina benötigten Nachschub an Personen und Sachen bis weit nach Deutschland und Frankreich hinein ein Netz von Niederlassungen aufbaute.

Iben war in diesem Netz der Logistik eine wichtige Verwaltungsstelle. Neben Wohn- und Speichergebäuden gehörten zur Komturei Iben Räume des Glaubens für den aus Rittern und Dienenden Brüdern bestehenden Orden. Heute, rund 900 Jahre nach der Gründung der Niederlassung, existiert nur noch der Chor der Templerkapelle. Doch dieses Gebäude gilt bei Fachleuten als ein Kunstwerk von erlesener Feinheit, das in der Qualität von Entwurf, Ausführung und Bauskulptur die zeitgenössischen Kirchenbauten am Mittelrhein übertrifft.

„Wir sind stolz darauf“, sagt Dipl. Ing. Hans-Georg Jost, Ortsbürgermeistervon Fürfeld, denn der Hof Iben ist ein Teil seiner Gemeinde. Wenn die Kapelle auch heute für Gottesdienste nicht mehr benutzt wird, weckt sie bei Hochzeitspaaren dennoch gelegentlich Interesse. „Das kann sehr stilvoll sein“, meint auch Altbürgermeister Kurt Schmitt, obwohl es lange her ist, dass ein Paar in dieser Kapelle getraut wurde. Auf jeden Fall ist die Tür zur Kapelle immer offen, erfährt man von Walter Petry. Er ist Eigentümer des Hofes, auf dem die Kapelle steht, die sich im Besitz der Schlösserverwaltung des Landes Rheinland-Pfalz befindet.

Man kann sie besichtigen. Aber vorher sollte man die neue Veröffentlichung von Dr. Wolfgang Bickel (Armsheim) gelesen haben, ein reichhaltig bebildertes Buch aus der Wernerschen Verlagsgesellschaft, das mit der Baukunst aus der Zeit des Templerordens im Detail vertraut macht und die ganze Geschichte des Standortes Iben anschaulich darlegt. Wer waren die Arbeiter, die hier gebaut haben ? Buchautor Bickel verweist auf hoch qualifizierte Steinmetzen, die nach einem Baustopp während der Errichtung der Kathedrale von Reims auf der Suche nach Arbeit waren und von den Tempelherren angeheuert wurden.

Die Tempelritter waren streng organisiert, sie lebten asketisch und legten Wert auf einen asketisch gestalteten Gebets- und Kontemplationsraum. Das Ordensmitglied war angehalten, nicht nur reichlich zu beten (beim Tod eines Meisters 200 Paternoster innerhalb von sieben Tagen), sondern auch auf den Zustand der Pferde und deren Ausrüstung zu achten oder – wie es weiter in einer Ordensregel heißt – „er soll Pfähle und Pflöcke schnitzen oder sonst etwas zum Dienst Gehöriges arbeiten“, damit nicht im Müßiggang das Böse seiner habhaft werden könne. Der Orden war einst angetreten mit der Verpflichtung, dem Heilsplan Gottes zu dienen. Aber die durch Privilegien reich gewordenen Tempelherren scheiterten wohl letztlich an ihrem Stolz.

Nach der Liquidierung des Templerordens durch den französischen König Mitte des 13. Jahrhunderts gingen die Besitztümer der Templer in Deutschland an den Johanniterorden über, aber auch andere Interessenten bedienten sich. Als das Großherzogtum Hessen-Darmstadt 1875 die Kapelle kaufte, befand sie sich im Zustand des Verfalls. Nach größeren Renovierungen setzte die Schlösserverwaltung Rheinland-Pfalz, seit 1949 Besitzerin des Anwesens, die systematischen Restaurierungsarbeiten erfolgreich fort. Doch Buchautor Bickel mahnt auch: „Der gegenwärtige Zustand zeigt den sich beschleunigenden Zerfall des noch originalen Bestands“. Friedrich Ernst von Garnier, Farbgestalter für den Industrie- und Städtebau weltweit, und seit den siebziger Jahren mit seinem Studio Nachbar der Templerkapelle, hat die Publikation nachhaltig gefördert und die erste Auflage übernommen. Er ist von der Arbeit Dr. Bickels begeistert: „Solche Menschen brauchen wir in Europa“.