Kennenlernen - Religiöse Traditionen
Ein Leben zwischen den Welten
Mit Gottvertrauen als Deutsch-Russen durchs Leben
„Als der Stalin verreckt war, war vieles besser.” Zwei Menschen erzählen, schauen zurück auf ihr Leben, ganz ohne Pathos. Wir sitzen in einem gemütlichen Wohnzimmer altdeutscher Art in Bad Kreuznach. Die Möbel beruhigen. Bilder der Familie zieren die Wände und doch sagt Berta Freitag klipp und klar: „Wir sind nirgendwo zuhause; wir haben nirgendwo eine Heimat.” Berta Freitag hat in ihrer gemütlichen Wohnung in der Holbeinstraße Streuselkuchen nach deutschem Rezept und Gebäck sowjetischer Art aufgetischt, dazu Kaffee mit Milch und Zucker. Es schmeckt nach mehr. In dieser friedvollen Umgebung lassen Berta und Waldemar Freitag uns teilhaben an ihrem bewegten Leben, das schon nach einer Viertelstunde des Erzählens wie ein Roman von Karl May erscheint. Doch ihre Lebensgeschichte ist keine Räuberpistole des großen Indianerfreundes, sondern schildert das Auf und Ab von deutschen Russen, besser russischen
Deutschen, in der Ukraine, in Kasachstan, in der Sowjetunion, in Ost-Europa und in Deutschland.
Ihre Geschichte zeigt das Leben von Christen des 20. Jahrhunderts unter der Knute sowjetischer Diktatoren. Und nur eines ist ihnen immer sicher: „Gott ist bei uns.” Als 12-Jährige verliert Berta ihren Vater in der Sowjetunion. Vor den Augen der Tochter verhaftet, wird er einen Monat später erschossen von den kommunistischen Heilsbringern der Stalin-Ära.
Die Deutsch-Russin Berta wird mit ihrer großen Rest-Familie wie Millionen Andere in der Sowjetunion vertrieben. In den Wirren des Zweiten Weltkriegs (1939 - 45) muss sie die Ukraine in der UdSSR zurücklassen. Eingepfercht in Zugwaggons mit Kindern und Alten, Frauen und Männern, Gesunden und Kranken, bewacht von sowjetischen Soldaten, müssen sie Frondienste im Vaterländischen Krieg gegen die Nazis leisten.
Sie selbst haben kaum etwas zu beißen und sind froh über jede hilfreiche Geste eines sowjetischen Bewachers, der ihnen beim Kochen neben den Gleisen manchmal doch mehr als eine Handvoll Weizen hinterlässt. „Gott ist immer bei uns.”
Berta Freitag öffnet eine Schublade. Dort liegen Predigthefte, Gesang- und Gebetbücher, die sie durch ihr Leben trugen und immer noch tragen. Und manchmal wurde es ganz schön eng
für sie. Im sowjetischen Kasachstan, dem Steppenland an der Grenze zu China, waren sie schließlich gelandet. Und jetzt, wie soll es weitergehen ? Auch wenn die Kasachen ihnen nicht nach dem Leben trachten; Heimat ist etwas anderes. Berta und eine ältere Schwester machen sich auf zu neuen Ufern, suchen eine Region in Kasachstan, in der mehr Deutschstämmige
leben sollen. Die Sonne und die Sterne sind ihr Kompass, die Bibel und die Gebetbücher lassen sie, gepaart mit viel Gottvertrauen, in der Steppe überleben. Ein Wolf jagt ihnen Angst ein; doch zeitweise ist eben er ihr Begleiter und zieht dann doch wieder mir nichts dir nichts von dannen. Soldaten nehmen sie mit auf ihren Transportern, obwohl sie keine Papiere vorweisen können. Gute Leute bis auf einen, der will von den beiden Mädchen nichts Gutes. Doch mit Tricks und der Hilfe der Anderen entkommen sie auch dieser Situation. „Gott ist immer bei
uns.”
Schließlich landet Berta Freitag dort, wo sie dann auch ihren Mann Waldemar kennenlernt, in dem Teil Kasachstans, wo einige deutsche Dörfer eine große Gemeinschaft bilden inmitten der muslimisch-kasachischen Umgebung. Ihren Mann Waldemar hat es auf anderen Wegen dorthin an den Rand der Sowjetunion verschlagen. Zwischendurch war er in einem sibirischen Bergwerk gestrandet, geflüchtet vor Stalins Häschern, wieder eingefangen, wieder geflüchtet und schließlich unter meterhoch aufgetürmten Ästen im Wald mit dem Leben davon gekommen: mutterseelenallein, gerade einmal 16 Jahre alt. „Gott ist immer unser Begleiter.”
Abendmahl und Gottesdienst sind ihnen wichtig, sagen die beiden Freitags. Beides ist ein Dank an Gott, ihren Begleiter bis nach Deutschland in die Johannes-Gemeinde. Es ist gut hier in Deutschland, sagen sie. Aber Heimat fühlt sich anders an. Viele Traditionen sind doch weggebrochen. Und es wird sogar geklatscht in manchen Gottesdiensten. „Das gehört sich nicht.” Aber wie dem auch sei, bei allem, was noch kommt auf ihrem Lebensweg, eines ist klar: „Gott ist immer bei uns.”
Und Berta packt uns von ihrem Kuchen ein für unseren Nachhauseweg.
Markus Bach (das Gespräch führten Markus Bach und Ute Weiser)
Das andere Abendmahl
Ein modernes Märchen
Kürzlich redete ich mit einem guten Freund über Gott und die Welt. Dabei kam auch die Situation unserer Kirche aufs Tableau: Viele Menschen verlassen unsere Gemeinschaft, sie ziehen sich aus den Gottesdiensten und den Gemeinden zurück. Übrig bleibt dann oft nur ein Wiedersehen an den großen persönlichen Wendepunkten: von der Geburt (Taufe) bis zum Tod (Begräbnis).
Lange ging es hin und her in unserem Gespräch. Da erzählte mein Freund mir ein modernes Märchen:
„Es waren einmal zwei Pfarrerinnen, die sich trotz enger Freundschaft während ihres Studiums jahrelang nicht mehr gesehen hatten. Per Zufall trafen sie sich in einem Hotel im Schwarzwald. Dabei klärte sich schnell: Karla versucht den schleichenden Auszug vieler ChristInnen auch aus „ihrer“ Gemeinde mit neuen Angeboten an den Zeitgeist aufzufangen und im Übrigen auf den langen Atem der Kirche zu setzen, die schließlich in ihrer mehr als zweitausendjährigen Geschichte schon so manche Krise gemeistert hat.
Sonja war zum Erschrecken ihrer früheren Mit-Studentin wirklich aus der Kirche ausgetreten. Doch dann kam der entscheidende Hinweis von Sonja: ‚Ich arbeite immer noch als Pfarrerin in einer Gemeinde und wir haben keinen Auszug aus der Gemeinde zu verkraften. Unsere Gottesdienste sind überfüllt und das Abendmahl feiern wir bei jeder gemeinsamen Zusammenkunft.’
Karla war geschockt. Wie war das möglich ? Und am Ende verabredeten sich die beiden ungleichen Pfarrerinnen demnächst in Sonjas Ausnahmegemeinde.
Zwei Wochen später war es soweit. Karla fuhr, um Sonja an ihrer Wirkstätte als ausgetretene Pfarrerin zu besuchen. Das Gotteshaus lag im Industriegebiet, unscheinbar, von außen nicht als Kirche zu erkennen: kein Kreuz, kein Kirchturm, keine Glocken. Doch die Menschen strömten auf den Eingang zu. Viele machten einen entspannten Eindruck, einige ließen aber auch die Köpfe hängen. Doch alle, ob Kinder oder Alte, alle hatten Taschen in der Hand. Sonja stellte sich in die Schlange und begrüßte viele der Anderen mit einem fröhlichen Gesicht und einem freundlichen Kopfnicken. Karla war verwundert und gespannt auf den Gottesdienst. Dann betraten sie einen großen Raum. An den Tischen saßen schon viele Gläubige und aßen und tranken.
„Das Abendmahl hat schon begonnen,“ sagte Sonja. „Das kann doch wohl nicht sein“, meinte Karla. „Das hier ist doch keine Kirche, willst Du mich auf den Arm nehmen?“, reagierte Karla aufgebracht. „Ihr trefft Euch hier zum Essen und Trinken, Ihr betet und singt nicht und habt keine Bibel auf den Tischen. Das ist doch kein Gottesdienst hier.“ Da kam eine andere Frau auf sie zu und lächelte ihr ins Gesicht. „Karla, Du hier ? Das ist ja eine Überraschung.“ Karla war von den Socken: Ihre alte Freundin Claudia stand vor ihr. Die Frau, die trotz glänzender Noten und vieler Talente im Alkoholismus untergegangen war und schließlich als Pennerin auf der Straße gelandet war.
„Claudia, was machst Du hier?, fragte Karla überrascht. „Das hier ist die Tafel, weißt Du das nicht ? Sonja und die Anderen haben mich von der Straße aufgegabelt, mir ein paar Klamotten und Essen gegeben und eine hübsche Garage zum Schlafen. Hier habe ich Jesus wahre Freunde getroffen. Komm doch mal wieder,wenn Du Zeit hast, Karla.“
Markus Bach
Eltern wünschen Bildungsarbeit
Verein mit Sprachunterricht und weiterem kulturellen Angebot

- Julia Erk mit Xenia, Kevin und Max im Pavillon der Dr.-Martin-Luther-King-Schule (Foto: Fred Lex)
Russische Traditionen gibt es viele in unserem Land. Aber sie entfalten sich selten in der Öffentlichkeit. Häufig ist es der auf interkulturelle Beziehungen ausgerichtete „Abend der Begegnung“ im Markuszentrum, der solche Traditionspflege sichtbar macht. Beim vergangenen Nachbarschaftsabend war es eine von Kindern gespielte Märchenszene, die für Aufmerksamkeit sorgte. Auffallend war, dass die als Tiere kostümierten Mädchen und Jungen ihre Texte sowohl in deutscher als auch in russischer Sprache aufsagten. Die bunte Szene, die reichlich Beifall fand, war das Ergebnis kultureller Arbeit im Bildungsverein e.V. Vor einem Jahr ist der Verein aus einer Initiative der aus Russland stammenden Pädagogin Julia Erk und einiger interessierter Eltern entstanden. Vorwiegend sind es Einwandererfamilien, die das Bildungsniveau ihrer Kinder verbessern wollen. Es gibt Nachhilfeunterricht in deutscher Sprache, aber viele Mädchen und Jungen sollen auf Wunsch der Eltern auch ihre Muttersprache sprechen und schreiben können. Darauf legen die Eltern Wert, denn die Muttersprache wird gebraucht, wenn sie Opa und Oma in der alten Heimat besuchen. Etwa 60 Mitglieder zählt der Verein zur Zeit, wie die erste Vorsitzende Julia Erk mitteilt. Er soll keineswegs eine auf Aussiedler beschränkte Einrichtung bleiben. Erwünscht als Mitglieder sind auch deutsche Familien. Julia Erk und ihre private Initiative finden weit reichendes Interesse. Für die Johannes-Kirchengemeinde hat sie den Deutschunterricht für Mütter („Mama lernt Deutsch“) übernommen und das Stadtteilbüro der Stadt Bad Kreuznach hat die Raumfrage gelöst: für den Bildungsverein steht der Pavillon an der Dr.-Martin-Luther-King-
Schule zur Verfügung.
Studenten aus Bad Kreuznach und Umgebung unterstützen das Ausbildungsprogramm des Vereins, der eine erteilt deutschen Sprachunterricht, der andere bringt den Kindern das Gitarrespielen bei. Eine Iranerin hat einen Malkurs für Mädchen und Jungen eingerichtet. Außerdem bestehe die Möglichkeit, Sprachkurse in Portugiesisch, Japanisch oder Arabisch anzubieten, sagt Julia Erk.
Sie selbst, die seit 1993 in Deutschland lebt, will ihr derzeitiges Studium an der Uni in Mainz noch in diesem Jahr mit der Diplomarbeit abschließen.
Fred Lex
Julia Erk erreicht man unter
Telefon: 0671 / 67509 oder
E-Mail: logomus1@web.de
Zu Besuch in einem anderen Land …
Man kommt gar nicht mehr aus dem Staunen heraus bei dieser Lebensgeschichte,
und auch aus dem Erschrecken: was (müssen) Menschen aushalten.
Aber auch: wie es die beiden geschafft haben ! Der Druck auf die Deutschen in
der ehemaligen UDSSR war zeitweise groß, die Kontrolle am Ende der 50 er Jahre
streng. Erst nach dem Tod von Stalin ging es. Dann kam die Ausreise nach Deutschland,
Kinder und Enkel sind hier. Traurig ist die Erfahrung der beiden: „In Russland
waren wir als Deutsche nicht gern gesehen, als Faschisten beschimpft – hier
in Deutschland sind wir als die „Russen“, die, über die mancher schimpft !“
Treu halten sich beide an die Gemeinde, man kennt sie vom Gottesdienst und
erst Recht seit vielen, vielen Jahren im Seniorenkreis. Jedoch: „Das religiöse Leben
war anders bei uns“ , sagen beide übereinstimmend und sprechen von stillen
Gottesdiensten, feierlicher als hier bei uns. Frau Freitag zeigt die Gesangbücher,
die auch heute noch bei Beerdigungen Verwendung finden, Lieder aus der Heimat,
uns Deutschen unbekannt, die aber auf ihre ganz eigene Art vom religiösen Verständnis
der Deutschen aus Russland erzählen. Immer noch ist Frau Freitag bei
Beerdigungen dabei, einmal – so erzählt sie – war sie sogar die einzige, die die
traditionellen Lieder zur Ehre des Toten gesungen hat. Auch eine Tradition aus der
alten Heimat, die bei uns verloren zu gehen droht. Reich beschenkt fühlt man sich
nach diesem Gespräch, aber auch sehr erschüttert von diesen Lebensgeschichten.
Und dann doch wieder gleichsam getröstet von der tiefen Religiösität, die Kraft
gegeben hat auf einem vielfach verschlungenen Lebensweg. Und die auch heute
noch ausstrahlt über beide hinaus – hinein in einen von ganz anderen religiösen
Traditionen geprägten Raum. Gut ist es einander auch da kennen zu lernen
und voneinander zu hören.
Ute Weiser